Ein Koffer erzählt…..

Darf ich mich vorstellen?

Ein Koffer erzählt…..

 

Ich bin mindestens 66 Jahre alt, eher älter, ca.5 kg schwer, 80 cm lang und 48 cm breit. Hergestellt wurde ich wohl in Deutschland. Mein Körper ist laut Etikett aus Sperrholz, bezogen mit Lederimitat und ockerfarbenen Kanten. Ich bin sehr solide gebaut und öffne mich seitlich.

 

Wenn ich im geöffneten Zustand bin, sieht man die sorgfältige Verarbeitung: ein Fach für Wäsche, Blusen oder Hemden. Dazu ein Extrafach für Schuhe oder Toiletterien. Im aufgeklappten oberen Teil ließe sich ein Kostüm oder ein Anzug einhängen. (Bügel waren einst vorhanden.).

Ein Koffer erzählt….. Ein Koffer erzählt…..

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Herausragendste an mir sind die vielen Aufkleber und Anhänger. An vieles kann ich mich nicht mehr so recht erinnern. Aber diese Aufkleber helfen mit etwas auf die Sprünge:

Ein Koffer erzählt…..

 

Die letzte, die mit mir verreiste, war Karin Colmant, aus der Hauptstr.136 in Bendorf/Rhein, unweit, rechtsrheinisch, nördlich von Koblenz.

Diese junge Benutzerin entstammte einer angesehenen Arztfamilie ursprünglich aus Bonn. Der Urgroßvater eröffnete in Bendorf 1870/71 eine Klinik für Damen des höheren Standes in der Villa Flora. Seine Söhne ergriffen ebenso den Arztberuf und waren in Bendorf sehr angesehen.

 

 

 

Als es 1952 nach Lausanne in der Schweiz ging, wurde ich bahnlagernd speditiert. Leider wurde am 22.11.1952 in Lausanne 5 Mosquines eine Beschädigung festgestellt. Die Schweizer sind da sehr genau.

Ein Koffer erzählt…..

Ein Koffer erzählt…..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Jahrzehnt später kam ich noch mal so richtig zum Einsatz:

Ein Koffer erzählt…..

Mit Karin Colmant ging es mit dem Anglo-German Youth Travel Service 1962 nach London. Die Reise ging über Kaldenkirchen und Hoek van Holland nach Harwich/Parkeston Quay und weiter nach London/Liverpool Street.

Auf dem Rückweg, am 5.9.1962, wurde ich in Dover auf die Fähre nach Ostende verladen, um dann wohlbehalten über Aachen in Koblenz anzukommen.

 

Wie ich in die Hände des Erkrather Heimat- und Eisenbahnvereins gelangt bin, weiß ich nicht mehr, auch hilft mir da kein Aufkleber weiter.

Das finde ich auch nicht so schlimm, obwohl ich doch gerne wüßte, was aus Fräulein Karin Colmant geworden ist. Wir hatten eine so schöne Zeit zusammen in England.

Aber dass ich hier in Hochdahl noch eine kleine Ruhestands Rolle spielen darf, als Relikt aus dem letzten Jahrhundert, das gefällt mir sehr gut!

Mein jetziger Betreuer ist Horst Manfred Gerngreif, Mitglied und Aktiver im EHEH.

 

Hochdahl im März 2018

Mittlerweile sind ein paar Wochen vergangen und die Erzählung kann weitergehen:

Mein Betreuer ging ins Internet und fand einige Hinweise auf Leute mit dem Namen Colmant: in Bendorf, (Stand 1920), in Südafrika ein Weingut und in Belgien einen Finanzexperten. (Auch in Frankreich gab es eine, aber doch eher kalte Spur.)

Endlich fand er eine Adresse: Eine Frau Clarissa Colmant, wohnhaft in Hamburg.

Die schrieb Herr Gerngreif an und siehe da, kurz darauf kam eine Mail und nicht zu fassen: die Spur endet in Erkrath, kaum 3 km Luftlinie von hier.

Frau Karin Colmant heißt nun schon seit Jahrzehnten – Davarpanah-Colmant und ist eine nette Dame, die in ihrer Sprechweise noch immer Spuren des Mittelrheinischen trägt.

Ein Koffer erzählt…..

Als sie umzog, half ihr ein junger Mann. Zum Umzugsgut gehörte auch ich. Als man mich, den alten Koffer sah, hatte dieser junge Mann die Idee, mich mit ins Bahnhofscafè in Erkrath zu nehmen. Dort gehörte ich zur Kinder, Lese- und Spielecke: wieder hatte ich eine Funktion, diesmal als Bücherkoffer und das wieder ganz nah am Zug- und Reiseverkehr!

Als das Cafè aufgelöst wurde, bzw. den Besitzer wechselte, nahm mich ………   zum EHEH und verstaute mich tief hinten, im Veranstaltungswaggon.

Jetzt im Februar (2018) wurde ich mit dem Waggon in die Werkstatthalle rangiert und der Waggon gründlich entleert. Da war mein Dornröschenschlaf zu Ende. Der Vorsitzende Ralf Fellenberg schnappte mich und übergab mich Herrn Gerngreif zur neuen Betreuung!

Ich freue mich schon auf das Wiedersehen mit meiner einstigen Benutzer- und Besitzerin und kann nun beruhigt und sehr zufrieden meine schönen Seiten zeigen und dabei von meinen tollen Reisen träumen.

Besucht mich ruhig und schaut nach mir. Das stört überhaupt nicht.

Im Gegenteil, es freut mich immens!

Ein Koffer erzählt…..